Weil am Rhein Ein Stück über wichtige Fragen der Zeit

Tonio Paßlick
  Foto: Tonio Paßlick

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ Der Buchtitel von Richard David Precht hätte auch als Untertitel für die jüngste Inszenierung gepasst, die von der Erwachsenen-Theatergruppe in der Regie von Sabrina Lössl vom Theater Tempus Fugit am Wochenende im Kesselhaus präsentiert wurde.

In einer dichten und beeindruckend intensiven Abfolge von Bildern, projizierten Texten und eingestreuten Begriffserläuterungen ist die Theater-Collage „Wachstumsschmerzen. Orlando*24“ zugleich ein Stück über Selbstfindung und Identität, über Rollenbilder und Konventionen. Und damit ein Parade-Beispiel für die Arbeitsweise der Gruppe von Theaterbegeisterten zwischen 18 und 80, die sich im Kesselhaus mit literarischen Vorlagen beschäftigen und sie in die Erarbeitung aktueller Themen einfließen lassen.

Erwachsene spielen Theater

Damit knüpfen die jüngsten Inszenierungen auch an die Idee an, die der Entstehung dieser Gruppe mit ihren dynamischen Veränderungsprozessen zugrunde liegt. Der „Verein Kulturzentrum Kesselhaus“ war ja 2001 aus dem Verein „Theater im Kesselhaus“ hervorgegangen, der in den 1990er-Jahren vom Kulturamt finanzierte und sehr erfolgreiche Produktionen präsentiert hatte. Der Auftrag an den neuen, breiten aufgestellten Verein bestand darin, weiterhin kreative Theater-Arbeit zu fördern. Dies gelang auch sehr erfolgreich mit Projekten wie „Gebirtig“ und Lyrik-Collagen. Ein wichtiger Schritt war aber der gemeinsame Plan mit Karin Maßen von Tempus fugit, die bislang auf Kinder- und Jugendtheater beschränkte Arbeit des Lörracher Vereins um eine Erwachsenen-Theatergruppe im Kesselhaus zu ergänzen.

Berührende Bilder zur wichtigen Fragen unserer Zeit

Karin Maßen konnte sich am Freitag persönlich davon überzeugen, mit welcher Leichtigkeit und Finesse die aktuelle Gruppe einige der wichtigen Fragen unserer Zeit in berührende Bilder umzusetzen vermochte. Auf drei Ebenen beleuchtete die Inszenierung die Identitätssuche – nicht nur als Heranwachsende: alle neun Darsteller spielten sich und zugleich die einzige Hauptperson Orlando. In Kostümen und Gesten, in denen sich Suche und Selbstwahrnehmung zugleich widerspiegeln. Einsamkeit und Gruppenorientierung, Gender-Ahnung und Verwurzelung – während nur ein Mikro-Ständer am Bildrand die akademische Annäherung an Begriffe wie „Biografie“ (eine Erfindung der Wahrheit) verdeutlicht, beleuchten eingestreute lyrische Beschreibungen des Wachstums einer Eiche metaphorisch die Stufen der Persönlichkeitsentwicklung, atmosphärisch vertieft durch die raunende Stimmen von David Auten Ulrike Wohlwender-Seng aus dem Off.

Gleichsam wie Scharniere zwischen den einprägsamen Bildern, die das Spektrum der vielen Wahrheiten in uns und der Suche nach der einen Identität illustrieren, auf der wir uns alle befinden.

Auch an die Zuschauer werden Frage gerichtet

Die Bilder und Konstellationen auf der Bühne spiegeln auch unsere imaginären Selbst-Wahrnehmungen. Verstärkt wird dies, wenn Dieter Wäldele aus dem Kollektiv ausbricht und vor dem Hintergrund von statistischen Daten menschlichen Verhaltens unvermittelt Fragen an Besucher stellt. Oder wenn er ins Alemannische fällt und damit auch ureigene Persönlichkeits-Marker ins Spiel bringt. Die Licht-Regie von André Kuwalik und die Kostüm-Wahl mit der Farbe grün als verbindendes Element steuern die Wahrnehmung unterschwellig und nachdrücklich zugleich. Eine dynamische und vielschichtige und damit beeindruckend gute Inszenierung.

Das Stück:

Orlando*24 – weitere Aufführungen am 10. Und 11. Mai, jeweils 19.30 Uhr im Theater Tempus Fugit Lörrach

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