Weil am Rhein Eine Klangreise unternommen

Jürgen Scharf
Der Organist Tobias Willi nahm Kenner und Liebhaber mit zu einem Besuch bei der Komponistenfamilie Alain. Foto: Jürgen Scharf

Zwei Generationen der französischen Orgelfamilie Alain standen im Mittelpunkt des außergewöhnlichen Recitals von Tobias Willi an der Metzler-Orgel in der katholischen Kirche St. Peter und Paul.

Wenn das Konzept stimmt, steht einem Orgelereignis nichts mehr im Wege. Das war so beim Eröffnungskonzert des Regio-Orgelzyklus in St. Peter und Paul: ein exquisites Instrument, dessen Revision Ende 2021 beendet war, ein versierter Organist und ein überlegtes Programm.

Am Spieltisch der erlesenen Metzler-Orgel saß mit dem Zürcher Organisten Tobias Willi ein Orgelkünstler, der eine Klangreise zu der französischen Orgelfamilie Alain unternahm, einen kleinen Querschnitt durch die Werke aller Familienmitglieder bot und vorab Programmerläuterungen zu Werk und Person gab.

Musikalische Familie

Das Themenkonzert „Une soirée chez la famille Alain“ (ein Abend bei der Familie Alain) stellte drei Komponisten vor: den Vater und zwei Söhne. Weltberühmt geworden ist allerdings die jüngste Tochter, die Organistin Marie-Claire Alain. Am bekanntesten ist in Orgelkreisen Jehan Alain, der 1940 im Krieg gefallene älteste Sohn von Albert Alain.

Jehan Alain war ein Frühvollendeter, der in Deutschland nicht die selbe Bedeutung hat wie in Frankreich und dessen Werk hierzulande wenig bekannt ist und selten gespielt wird. Dass es sehr eigene, fesselnde Musik ist, das führte Tobias Willi mit seinem authentischen Einsatz für diese Musik vor.

Von Jehan Alain spielte er mit souveräner Technik fünf typische Werke, die teils unter dem Einfluss orientalischer Musik stehen – eine hörbare Folge der Weltausstellung in Paris.

Zu hören waren die von starken farblichen Kontrasten geprägte erste Fantasie, der „Choral dorien“, eine alte gregorianisch geprägte Kirchenmusik, zwei eigenwillig-exotisch klingende Tänze über die altindische Gottheit Agni Yavishta bis hin zu Jehan Alains berühmtestem Werk, den „Litanies“.

Eine kluge Auswahl, mit einer ausgefeilten Technik und guter Klangvorstellung präsentiert. Die „Litanies“ sind ja sogar in die Popmusik eingegangen und als einziges Werk von Alain öfter zu hören. Diese litaneiartige Musik, ein teils horrend schwierig zu bewältigendes Stück, musste mit seinen ekstatischen Wiederholungen und Steigerungen am Schluss des Konzerts stehen.

Hörbare Geschichte

Tobias Willi war der prädestinierte Interpret für diese Steigerungsdramatik in den Manualen und im Pedal. Verdienstvoll auch, dass er nicht nicht nur eine Lanze für Jehan Alain brechen, sondern auch dessen musikalisch-familiäres Umfeld rehabilitieren konnte.

Willi machte hörbar, dass Vater Albert in dieser Komponistenfamilie auch etwas zu sagen hatte und einen wesentlichen Beitrag zur französischen Orgelgeschichte leistete. Nachdem dieser seine Möbelschreinerei an den Nagel gehängt und alles auf die Musik gesetzt hatte, wurde er Komponist und Orgelbauer, baute sich selbst eine Heimorgel, deutlich größer als die Metzler-Orgel. Sein „Carillon“ oder ein Scherzo zeigen ihn in der Spätromantik verwurzelt.

Alains zweiter Sohn Olivier war ein Multitalent, Literat, Komponist und Musikwissenschaftler. Sein durchaus eigenständiges und hörenswertes Werk ist noch weniger bekannt als das seines älteren Bruders. Schön klang das ruhige, meditative, impressionistische „Chanson“ vom dunstigen Nebel über dem Meer.

Tobias Willi verstand es, mit rhythmisch fesselnden Wiedergaben und einem Optimum an Klangfarben den Stücken echte französische Klanglichkeit abzugewinnen. Unter seinen sachkundigen Händen und durch die geglückte Synthese aus Dokumentation und Interpretation erhielt die Orgelfamilie Alain ein eindrucksvolles Format.

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