Weil am Rhein Für die Pflege der lokalen Geschichte

Weiler Zeitung, 12.10.2017 21:33 Uhr

Von Dorothee Philipp

Das 50-jährige Bestehen des Vereins für Heimat- und Volkskunde ist am Mittwochabend im Haus der Volksbildung gefeiert worden. Als Festredner hatte man den Leiter des Hauses für Geschichte in Stuttgart und Honorarprofessor an der Universität Heidelberg, Thomas Schnabel, gewinnen können.

Weil am Rhein. Eigentlich ist die Geschichte des Vereins für Heimat- und Volkskunde in Weil am Rhein schon 60 Jahre alt. 1957 regte der Gemeinderat an, anlässlich einer Schenkung der Färberei Schetty ein Heimatmuseum einzurichten, was dann 1964 mit dem Museum am Lindenplatz auch geschah. 1967 wurde dann auf Betreiben des damaligen Bürgermeisters Otto Boll ein Verein gegründet, der sich der Pflege der lokalen Geschichte annehmen wollte.

Der Festakt

Vereinsvorsitzender Uwe Kühl begrüßte beim Festakt besonders die 92-jährige Paula Röttele, Ehrenpräsidentin der Trachtengruppe Weil und eines der fünf Gründungsmitglieder, die heute noch leben. Die Trachtengruppe hatte an diesem Abend auch die Bewirtung beim Stehempfang übernommen.

Die Historie

Kühl ließ die Zeit der Vereinsgründung noch einmal Revue passieren und erinnerte auch an den damaligen Hauptamtsleiter Otto Wucherer, der sich ebenso wie Boll dafür eingesetzt hatte, mit einem Heimatmuseum und einem Verein engagierter Ehrenamtlicher die Pflege der lokalen Geschichte in feste Institutionen zu fassen. Seither habe der Verein etliches geleistet: Exkursionen, die beim gemeinsamen Entdecken der eigenen Geschichte auch eine wichtige soziale Komponente haben, die Sicherung des Archivs von Lofo als wichtiges Dokument der hiesigen Wirtschaftsgeschichte, die Erforschung „weißer Flecken“ in der Stadtgeschichte, vor allem was die Nazizeit betrifft, die Herausgabe einer Vereinszeitschrift und vieles mehr. Heute hat der Verein über 300 Mitglieder.

Der Begriff „Heimat“

Kühl betonte, dass für den Verein „Heimat“ kein Kampfbegriff sei. Heimat sei dort, wo man verstehe und verstanden werde, zitierte er den Bundespräsidenten. Die Sehnsucht nach Heimat sei berechtigt, und man dürfe sie nicht jenen überlassen, die „wir gegen die“ zu einem falsch verstandenen Heimatprinzip erklärt hätten.

OB: Vergangenheit kennen

Oberbürgermeister Wolfgang Dietz, dessen Vater und Onkel ebenfalls zu den Gründungsmitgliedern des Vereins gehört hatten, betonte, dass die Zukunft nur gewinnen könne, wer die Vergangenheit kenne. Das weite Feld der Heimatgeschichte biete viele Ansatzmöglichkeiten, von hier aus auch große nationale und europäische Zusammenhänge zu erkennen. Die Zeit der Römer am Oberrhein, die europäischen Bruderkriege, die Zeit der Reformation, die Geschichte der Grenzziehungen, das alles lasse sich auf lokale Ereignisse herunterbrechen. „So wird Geschichte greifbar“, sagte Dietz. Er plädierte dafür, dass man allen Unkenrufen zum Trotz aus der Geschichte lernen könne. So habe sich in Europa ein gemeinsamer Wertekanon etabliert, in dem Menschenrechte, Toleranz und die Staatsform der repräsentativen Demokratie wichtige Eckpfeiler seien.

Die Festrede

Thomas Schnabel führte das Publikum in seiner Festrede durch die Geschichte Badens und Württembergs. „Mein Land hat viele kleine Städte“, hieß sein Motto, in Anlehnung an eine Gedichtzeile, die der schwäbische Poet Justinus Kerner Eberhard I., dem ersten Herzog von Württemberg und Teck, in den Mund legt.

Nach einem anregenden Rückblick in die Zeit der Vereinsgründung um 1967, der dem Publikum so manches weltpolitische Ereignis wieder in Erinnerung rief, ging es über die provokante These „Badener und Württemberger sind Schwaben“ hinein in die vielfältige Geschichte der beiden heutigen Partner des „Musterländles“ vom Dreißigjährigen Krieg bis heute. Eine unterhaltsame, humorvolle Geschichtsstunde mit vielen Aha-Erlebnissen für die Zuhörer. Und am Ende begriff man auch, warum die „Unbotmäßigkeit“ der Untertanen gerade hier im Südwesten eine so lange Tradition hat. Selbst in der Gegenwart lassen sich die Menschen im Musterländle von Staats wegen nicht den Mund verbieten, wie Wyhl, Boxberg, Mutlangen und Stuttgart 21 gezeigt hätten.

Damit solche Ereignisse weiter wirkmächtig sein können, müssten sie bekannt bleiben, sagte Schnabel. Hier hätten die Geschichtsvereine eine wichtige Rolle und Verantwortung für die Zukunft. Nur durch das Wachhalten der Vergangenheit könne man der „gesellschaftlichen Demenz“ begegnen.

 
          0