Weil am Rhein Gegen Extremismus und Ausgrenzung

Von Martina Proprenter

In der Kurzfilmserie „Echte Helden sind anders“ wendet sich der gebürtige Weiler Filmemacher Mahir Yildiz (37) gegen Abwertung, Extremismus und Ausgrenzung aller Art. Im Interview mit Martina Proprenter spricht er von seiner Motivation und Folgeprojekten.

Frage: Herr Yildiz, wer ist für Sie persönlich ein Held?

Jemand, der anderen Menschen eine Plattform bietet, sie unterstützt. Um es mit José Marti (kubanischer Nationalheld und Symbol für den Unabhängigkeitskampf) zu sagen: Das ist ein Mensch, der die Ohrfeige, die ein anderer bekommt, auf seiner eigenen Wange spürt.

Frage: Sie bieten Jugendlichen bei dem Projekt eine Plattform. Macht Sie das auch zum Helden?

(lacht) Das sollen die Jugendlichen beantworten.

Frage: Im Oktober sind die Kurzfilme online gegangen. Sehen Sie die Darsteller noch?

Wir treffen uns immer mal wieder, ich will nicht, dass sich das verläuft, weil ich sie ins Herz geschlossen habe. Ein Thema bei den Workshops war etwa Einsamkeit, manche sind alleine nach Österreich gekommen und kannten noch niemanden. Durch die Dreharbeiten sind Freundschaften entstanden. Die Darsteller sind aber nicht alle Flüchtlinge.

Frage: Wie haben Sie die Jugendlichen gefunden?

Über Jugendeinrichtungen, auf Fußballplätzen oder in Parks. Das Medium Film ist beliebt, da wollten direkt alle mitmachen. Von Jugendleitern hatten wir gehört, dass wir uns keine große Hoffnung machen sollen, dass die Jugendlichen dabei bleiben, weil sie bei anderen Projekten schon abgesprungen waren. Bei uns war das aber nicht der Fall, sie waren immer da und haben teils schon früh morgens angerufen um zu fragen, wann es weitergeht. Bei der Arbeit waren wir auf Augenhöhe. Eigentlich war gedacht, dass die Jugendlichen alles komplett alleine produzieren, doch aus Zeitgründen war das nicht möglich. Innerhalb von nur sechs Tagen haben sie aus ihren persönlichen Erlebnissen mit der Unterstützung eines großartigen Teams (Aleksander Studen-Kirchner, Alev Irmak, Ibrahim Amir, Fero Zboray) drei Drehbücher entwickelt und in die Rollen eingecoacht. Diese Drehbücher wurden dann von einem professionellen Filmteam umgesetzt.Im Making of sagen Sie: „Angst machen ist eine Masche“, etwa mit den Propagandavideos des so genannten Islamischen Staates.

Frage: Haben Sie eigene Erfahrungen damit eingebracht?

Ich bin die falsche Zielgruppe, die suchen sich gezielt Jugendliche ohne Perspektive aus. Ich hatte aber mal ein Projekt zu Rechtsextremismus gemacht und dann Drohungen von Nazis bekommen. Durch das Angstmachen soll der Widerstand gebrochen werden.

Frage: Was kann jeder Einzelne dagegen tun?

Seine Stimme erheben. Jeder sollte ein Wort zu sagen haben, sei es im Freundeskreis oder gegen die neuen Nazis. Wir müssen Position zeigen, es ist wichtig, was wir in der Zeit machen, in der wir leben.

Frage: Angedacht ist ein Folgeprojekt mit einem Schweizer Filmmacher. Gibt es bereits konkrete Pläne?

Wir planen eine Kooperation mit Florian Bitterlin, der das gleiche Projekt mit Schweizer Jugendlichen machen möchte. Vielleicht klappt es schon im Sommer. Auch in Österreich soll es ein Folgeprojekt geben. Unser Ziel ist es, den gesamten deutschsprachigen Raum abzudecken und als letzten Schritt ein eigenes Festival zu veranstalten, auf dem die Produktionen der Jugendlichen gegen Abwertungen jeglicher Art gezeigt werden.

Die Kurzfilmreihe ist ein Filmprojekt von Mahir Yildiz, der in Weil am Rhein aufgewachsen und nach seinem Studium der Theater- und Medienwissenschaft nun in Wien lebt. Entstanden ist dieses in Kooperation mit dem Amt für Diversität, Öffentlichem Dienst und Digitalisierung des Bundeskanzleramtes (Österreich) und der Kinder- und Jugendanwaltschaft (Wien).

Rund ein Dutzend Jugendliche erarbeiteten in nur sechs Tagen – mit Profi-Coaches – die Konzepte und bereiteten die Rollen vor. Alle drei Geschichten beruhen auf wahren Erlebnissen.

Zu sehen sind die Filme kostenlos unter www.vimeo.com/echteheldensindanders. „Haram“ zeigt ein Folteropfer des IS, der seinem Peiniger in Wien wieder begegnet. In „Click live“ quälen zwei Mädchen einen Jungen und werden selbst bedroht. „Du basst nich“ zeigt den ersten Besuch bei den Schwiegereltern, die aus einem anderen Kulturkreis kommen.

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