Weil am Rhein Komponist, Musik-Produzent, Verleger und Zahnarzt

Andrzej Szpilman Foto: Monika Merstetter Foto: Weiler Zeitung

Weil am Rhein (mme). Er ist ein polnischer Komponist, Musik-Produzent, Verleger und Zahnarzt: Andrzej Szpilman (62), der in Weil am Rhein wohnt. Der Zahnarztberuf ist für ihn eine Berufung, zudem ist ihm das Vermächtnis seines Vaters eine besondere Herzensangelegenheit.

1956 wurde Andrzej Szpilman als Sohn von Wladyslaw Szpilman geboren, dessen Leidenszeit während des Zweiten Weltkriegs durch die als Buch herausgegebenen Erinnerungen und durch Roman Polanskis Verfilmung „Der Pianist“ auf eindrucksvolle Weise weltberühmt wurde.

Da im Hause Szpilman Musik allgegenwärtig war, begann Andrzej mit sieben Jahren Geige zu spielen, später komponierte er, und mit 20 Jahren produzierte er erste Aufnahmen für den polnischen Rundfunk.

Danach produzierte Andrzej Szpilman TV-Musiksendungen und ein Album für eine polnische Rockgruppe, das 450 000-mal verkauft wurde. Parallel dazu schloss An­dreas Szpilman 1983 sein Zahnmedizinstudium ab, um anschließend von Warschau nach Hamburg zu wechseln und für fünf Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Hamburg zu arbeiten. Danach ließ er sich mit einer eigenen Praxis in der Hansestadt nieder, wo nicht nur Wolf Biermann zu ihm als Patient kam. Es sollte eine Zusammenarbeit auf freundschaftlicher Basis entstehen, indem er dessen CDs in seinem Studio produzierte. Im Gegenzug überredete Biermann ihn, die 1946 in einer Auflage von nur 1000 Exemplaren unter dem Titel „Tod einer Stadt“ veröffentlichten Notizen seines Vaters, neu zu überarbeiten und als Buch herauszugeben.

Überlebenskampf im Warschauer Ghetto

Es war ein schwieriges Unterfangen, da der Vater seinen Überlebenskampf im Warschauer Ghetto, den er schlussendlich durch die Hilfe des deutschen Offiziers Wilhelm Hosenfeld überstand, nicht als Buch geschrieben hatte, sondern um seine Erlebnisse zu verarbeiten. Denn gesprochen darüber hat er nie. Und der emotionale Disput zwischen Vater und Sohn während eines Interviews „Das Recht des Opfers auf Vergessen und das Recht der Kinder auf Wissen“ wurde schon mehrfach zitiert. „Das Recht auf Wissen“ setzte sich durch und so konnte 1989 in deutscher Übersetzung von Karin Wolff „Der Pianist – Warschauer Erinnerungen 1939 – 1945“ herausgegeben werden.

Als wichtiges Dokument zum Holocaust stieg diese Autobiografie schnell in die Bestsellerliste auf und wurde in über 35 Sprachen übersetzt. Andreas Szpilman unterstützte damals die Produktion des Polanski-Films, wenn er auch kleine Details heute kritisiert, wie zum Beispiel, dass in der deutschen Synchronisation der Vater vom Offizier geduzt wird, was nicht der Wahrheit entsprach. Er hat fast alle Personen, die seinem Vater geholfen haben, inzwischen persönlich kennengelernt. Bis auf den bereits 1952 verstorbenen „Wilm“ Hosenfeld, der als Besatzungsoffizier in Polen auch einigen anderen Verfolgten das Leben rettete. Lange saß dieser als sowjetischer Kriegsgefangener zur Zwangsarbeit verurteilt in einem Lager bei Stalingrad. Erst kurz bevor sein Retter starb, erfuhr Wladyslaw Szpilman von dessen Identität, genauso wie vom Unrecht, das diesem widerfahren war.

Andrzej Szpilman schaffte es 2008 mit viel Energie, dass er in die Yad Vashem-Gedenkstätte in Jerusalem in die Reihe der „Gerechten unter den Völkern“ aufgenommen wurde. Mittlerweile hat er nicht nur die Musik seines Vaters, die lange dem polnischen Rundfunk gehörte, aber nie die verdiente Beachtung fand, im eigenen Studio rekonstruiert und bei bekannten Plattenfirmen produziert.

Bei dem Spagat zwischen Beruf, Musik und dem Wachhalten des Vermächtnisses seines Vaters stehen für ihn seine beiden Kinder an erster Stelle. Ein paar Jahre lebte er in der Schweiz. Da der Sohn in Basel ein Studium begann und er in seiner Nähe sein wollte, suchte er eine Alternative im Dreiländereck. Seit er 2011 die Praxis von Dr. Walter Zink in der Hauptstraße übernommen hat, genießt er die hohe Lebensqualität in der Region mit der kulturellen Vielfalt.

Lesungen über das Leben seines Vaters

Mehrmals trat Andrzej Szpilman bereits in der Region mit Lesungen an die Öffentlichkeit, die immer sehr eindrucksvoll sind, da er überaus authentisch über das Leben des Vaters erzählt und ausgewählte Passagen aus dem Buch eindrucksvoll vorliest.

Das Publikum ist stets vom ersten Satz an beeindruckt. Beispiel dafür ist die Geschichte über die letzte gemeinsame Mahlzeit der polnisch-jüdischen Familie vor deren Abtransport aus dem Warschauer Ghetto in das Vernichtungslager, als der Vater noch an der Rampe des Todeszuges ein einziges Sahnebonbon ergattern konnte, das er akkurat in sechs winzige Stücke teilte.

ZEITUNG lesen, MEINUNG bilden, WÄHLEN gehen! Jetzt 4 Wochen für einmalig ab 4 Euro lesen.

Umfrage

Corona-Test

Diese Woche soll eine neue Corona-Verordnung verabschiedet werden, die ab einem Grenzwert eine 2G-Regel (geimpft/genesen) vorsieht? Was halten Sie davon?

Ergebnis anzeigen
loading