Weil am Rhein - In Weil am Rhein sind zwei Museen an dem Projekt „Zeitenwende 1918/19“, Europas größte grenzüberschreitende Ausstellungsreihe am Beispiel Frankreich, Deutschland und der Schweiz zum Kriegsende vor 100 Jahren, beteiligt.

Im Museum am Lindenplatz befasst sich die Ausstellung „Leben im Umbruch. Weil in den 1920er Jahren“ mit dem Nachkriegsjahrzehnt und den damaligen politischen und gesellschaftlichen Schwierigkeiten der Weiler Bevölkerung.

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Im Museum für Textilgeschichte thematisiert die Ausstellung „Genug Stoff für Neues!?! - Zeitenwende in Friedlingen“ die Entwicklung der hiesigen Textilindustrie aufgrund der politischen Veränderungen.

Europa wurde fundamental verändert

Am 11. November 1918 endete der Erste Weltkrieg. Europa wurde fundamental verändert, zahlreiche neue Staaten entstanden. Wie unterschiedlich aber an das Ereignis in den verschiedenen Ländern erinnert wird, zeigt das Projekt „Zeitenwende 1918/19“.

In der Ausstellung im Museum am Lindenplatz werden die direkten Folgen des Ersten Weltkriegs thematisiert. Die Weiler Bevölkerung steht vor enormen Herausforderungen. Die Männer waren teilweise noch in Gefangenschaft. Von den Rückkehrern waren die meisten physisch oder psychisch schwer angeschlagen. Es herrschte Hungersnot. Manche Weiler mussten ihren Hof oder Handwerksbetrieb verkaufen. Für viele Ausgewiesene und Flüchtige aus dem Elsass war Weil das nächste Ziel.

Einer der ersten, der an die Tür des Pfarrer Schlusser klopfte war der Lehrer Karl Tschamber. Es folgten noch weitere Menschen aus dem Elsass. Mehrere dieser Biografien dieser Ausgewiesenen werden eindrucksvoll anhand von damals mitgeführten Gegenständen bei der „Vertreibung“ dargestellt.

Die Gesellschaft unterlag damals einem unglaublichen Wandel. Dies zeigt sich auch am Frauenbild. Die „Neue Frau“ verändert sich nicht nur optisch im Erscheinungsbild mit Bubikopf, rauchend und kurzem Rock, sondern nimmt auch Einzug in neue Bereiche der Berufswelt. Im Januar 1919 erhält sie zudem erstmals das aktive und passive Wahlrecht.

Weitere Themen der Ausstellung sind die Hyperinflation von 1923, der Oberbadische Aufstand in Lörrach sowie die Stadtentwicklung von Weil mit Bau der Gartenstadt. Ein weiterer Raum widmet sich der Kindheit in dieser Zeit. Einblicke in die kulturelle Blüte der Goldenen 1920er Jahre geben der Revueraum, in dem die Mode von damals zu sehen ist und ein Kinosaal, in dem ein Zusammenschnitt verschiedener Filme der 1920er Jahre gezeigt wird.

Situation der hiesigen Textilindustrie beleuchtet

Die Ausstellung im Museum Weiler Textilgeschichte beleuchtet die Situation der hiesigen Textilindustrie nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Die beiden Färbereien Schetty und FAS Schusterinsel hatten sich bereits in den 1880er Jahren in Friedlingen angesiedelt und waren Teil des gewachsenen, grenzüberschreitend arbeitenden Textilsektors im Dreiland. Es herrschte ungehinderter Waren- und Personenverkehr und unter den Spinnereien, Webereien, Färbereien und Stoffdruckereien etablierte sich über die Grenzen hinweg eine kostensparende Arbeitsteilung. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Rückgliederung des Elsasses an Frankreich brach das durchlässige wirtschaftliche Gefüge im Dreiland mit einem Schlag auseinander.

Was dies für die Textilbetriebe bedeutete, wird besonders am Beispiel der Seidenweberei Robt. Schwarzenbach deutlich, die sich 1922 neu in Friedlingen ansiedelte. Die Schweizer Firma hatte bereits 1897 im elsässischen Hüningen eine Tochterfirma gegründet, um die Schutzzollpolitik des Deutschen Reichs zu umgehen. Von 1918 an wurde das Werk dem französischen Staatsgebiet zugerechnet, es kamen andere (Zoll-) Bestimmungen und Währungen zum Tragen. Die Ausstellung zeigt auf, wie die bereits bestehenden Färbereibetriebe sich nach dem Kriegsende in einer wirtschaftlich schweren und politisch instabilen Zeit der jungen Weimarer Republik zu behaupten versuchen und wie und warum die Seidenweberei Schwarzenbach das Wagnis einer Fabrikneugründung in dieser Zeit eingeht.

In Frankreich ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg weit verbreitet. Dies zeigt auch die Bezeichnung „Grande Guerre“, der Große Krieg. Sein Ende am 11. November ist jedes Jahr Feiertag. Anders in Deutschland, wo viele an diesem Tag eher an den Beginn des Karnevals denken. Oder, ebenso wie auch in der Schweiz, mit dem Martinstag in Verbindung bringen.

Gemeinsamer Blick über nationalen Tellerrand

„Zeitenwende 1918/19“ versucht nun, mit einem gemeinsamen Blick über den eigenen nationalen Tellerrand zu blicken.

Vier Jahre lang haben sich die beteiligten Museen am Oberrhein und den benachbarten Regionen regelmäßig im Dreiländereck getroffen und ihre jeweiligen Ausstellungskonzeptionen miteinander ausgetauscht. Bis zum 11. November sind 26 Ausstellungen in den drei Ländern eröffnet, vier weitere Ausstellungseröffnungen folgen in den kommenden Wochen.

Die Ausstellung im Museum am Lindenplatz ist noch bis zum 21. Juli 2019 und die im Museum für Weiler Textilgeschichte noch bis zum 7. Juli 2019 an den Wochenenden zu sehen. Nach hundert Jahren erfolgt dabei auch eine Neubewertung der historischen Ereignisse und ein offener Diskurs, wie er bislang so noch nicht möglich war.

Schwierige Themen öffentlich angesprochen

Die Überblicksausstellung der Reihe zeigt das Dreiländermuseum in Lörrach. Sie bietet mit über 300 Exponaten in inszenierten Räumen einen eindrucksvollen Vergleich der Situation von Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Die übrigen Ausstellungen zeigen spezifische Themen. Auffallend bei den deutschen Ausstellungen ist, dass sie die Weimarer Republik in erster Linie erstmals nicht mehr vor allem als eine Zeit der Krise behandeln, die letztlich in den Nationalsozialismus geführt hat. Vielmehr betonen sie jetzt auch die neuen sozialen und politischen Errungenschaften, die mit Ende des Kriegs möglich wurden.

Im Elsass wird nicht anfängliche Freude über die Rückkehr zu Frankreich thematisiert: erstmals werden umfassend auch schwierige Themen öffentlich angesprochen wie die massiven Auseinandersetzungen um die Wiedereingliederung in den französischen Staat und die Vertreibung von 120 000 sogenannten Altdeutschen.

Beispiele hierfür sind Ausstellungen in Colmar und Straßburg, die in diesen Tagen eröffnet werden. Schweizer Ausstellungen thematisieren erstmals auch die bürgerkriegsähnlichen Verhältnisse während des Landesstreiks, insbesondere im Neuen Museum Biel. Auffallend für die Ausstellungsmacher ist, wie wenig Deutsche und Franzosen diese schwierigen Entwicklungen in der Schweiz kennen.

Viele weitere Themen greifen die Ausstellungen außerdem auf: Kunst, Kultur und Literatur, das Totengedenken und die Pflege der Schlachtfelder in den Vogesen oder die Entmilitarisierung Badens. Die Ausstellungen haben verschiedene Laufzeiten; viele sind noch über den Winter geöffnet. Spezifische Informationen bietet die Website des Netzwerks Museen unter www.netzwerk-museen.eu in deutscher und französischer Sprache

Weitere Informationen: das Museum am Lindenplatz mit der Ausstellung „Zeitenwende. Leben im Umbruch. Weil in den 1920er Jahren“ (21.10.2018-21.7.2019) das Museum für Textilgeschichte mit der Ausstellung „Genug Stoff für Neues!?! - Zeitenwende in Friedlingen“ (4.11.2018-7.7.2019)