Von Sabine Theil Weil am Rhein. Von weit her kamen Interessierte mit dem Zug oder dem Fahrrad, um sich das evangelische Gemeindehaus in Weil anzusehen. Doch bevor der beeindruckende Bau heute genau vor hundert Jahren eingeweiht werden konnte, musste der Initiator und damalige Pfarrer Gotthold Schlusser, vor allem was die Finanzierung anging, Überzeugungsarbeit leisten. Im "Gemeindeboten Nummer 7" betonte der Pfarrer die Notwendigkeit eines solchen Hauses, das ein wichtiges Gemeindezentrum werden sollte. Ein Ort, wo sich die Bewohner Weils treffen, sich in die Augen sehen und sich die Hände reichen können. Dort sollte der Konfirmandenunterricht stattfinden, der bislang in den Schulräumen erst nach Ende des Unterrichts eingeplant werden konnte, was besonders für die Friedlinger Konfirmanden in der Winterzeit beschwerlich war. Aber auch für Wochengottesdienste, für die die Kirche viel zu groß war, Kirchenchorproben und für die Jugendarbeit war das Gemeindehaus dringend notwendig. Als Bauplatz wurde ein kircheneigenes Grundstück nahe der Kirche und dem Pfarrhof im Bläsiring gefunden. Für das 646 Quadratmeter große Grundstück mussten an die Evangelisch-kirchliche Stiftungsverwaltung Offenburg 646 Mark bezahlt werden. Pfennigsammlung von Freiwilligen Im Erdgeschoss entstand ein neun mal 11,30 Meter großer Saal, der 150 bis 200 Personen fassen konnte. Zur Finanzierung wurden im Obergeschoss zwei Wohnungen eingerichtet. Architekt Otto Hertel fertigte die Baupläne an. Die Bausumme von rund 25"000 Mark stellte Pfarrer Gotthold Schlusser privat, unverzinslich auf nicht eingegrenzte Zeit zur Verfügung. Nachdem die Gemeinde die Zustimmung zum Bau gegeben hatte, machten sich freiwillige Sammlerinnen wöchentlich auf den Weg und holten bei allen Gemeindemitgliedern, die ihre Namen und Betrag in das Sammelbuch eingetragen hatten, fünf, zehn, 20 oder gar 25 Pfennige ab. Die Pfennigssammlung ergab einen jährlichen Betrag von etwa 800 Mark. Im August 1912 wurde mit dem Aushub der Baugrube begonnen. Schon im November 1912 war Richtfest im Gasthaus "Zur Sonne" (heutiges Altes Rathaus). Nach der feierlichen Einweihung am 21. September 1913 fand im Oktober der erste Konfirmationsunterricht statt. Der stattliche Saal war fast täglich besetzt. Neben regelmäßigen Veranstaltungen, Wochengottesdiensten, Kirchenchorproben, Konfirmandenunterricht und Jugendabenden fanden Familienabende, Vorträge, musikalische Darbietungen, Lichtbildervorträge, Weihnachtsfeiern, Generalversammlungen, Totengedenkfeiern und die Feierlichkeiten zum Geburtstag des Kaisers statt. Etwa ein Jahr nach der Einweihung begann der Erste Weltkrieg. Der große Gemeindesaal wurde wurde als Lazarett vorbereitet und diente als Notquartier für Soldaten und elsässische Flüchtlinge. Nach Kriegsende wurde im Lesezimmer eine Beratungsstelle für Wohnungssuchende und eine Erwerbslosenfürsorge eingerichtet. Im Dezember 1923 bekam das Gemeindehaus zum ersten Mal einen Neuanstrich der Fensterläden und des Gartenzauns, und Mitte der 1970er-Jahre gab es eine Komplettsanierung mit Einbau einer neuen Heizanlage. Die Weiler Jugend, die in diesem Zusammenhang im drei Meter hohen alten Keller einen Jugendraum einrichten wollte, schleppte große Mengen an nicht mehr benötigten Kohlen aus dem Keller. Sie fuhren mit dem Traktor durch Weil und verkauften die Kohle an die Weiler Bürger. Auf dem großelterlichen Traktor saß der heutige Pfarrer Harald Schopferer. Die Einnahmen verwendeten die jungen Leute für das Herrichten des Kellers. 1998 wurde das in die Jahre gekommene und sanierungsbedürftige Gemeindehaus zur Privatnutzung veräußert. Ein Jahr später wurde das neue, moderne Gemeindehaus auf dem historischen Boden des Domhof-Geländes eingeweiht.

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