Weil am Rhein Verboten und beschlagnahmt

Ingmar Lorenz
Durch den Stempel und die Briefmarken ist die historische Einordnung des Schreibens auf den ersten Blick ersichtlich. Foto: zVg

Erwin Bowien war Kosmopolit, Europäer und aktiver Gegner des Nazi-Regimes. Ein nun aufgefundenes Dokument aus der NS-Zeit wirft ein Schlaglicht auf eine der schwierigsten Zeiten im Leben des Weiler Künstlers.

Von Ingmar Lorenz

Weil am Rhein. Der einst weiße Umschlag ist im Lauf der Zeit etwas vergilbt, die mit der Schreibmaschine geschriebene Adresse ein wenig verblasst. Durch das Hakenkreuz im Stempelabdruck und die Briefmarken, die das Konterfei von Adolf Hitler zeigen, ist die historische Einordnung des Dokuments aber auf den ersten Blick ersichtlich. „Es handelt sich um ein Schreiben der Reichskulturkammer in Berlin an Erwin Bowien, in welchem die Beschlagnahmung von Gemälden und ein Ausstellungsverbot verfügt werden“, teilt Haroun Ayech mit. Er ist Geschäftsführer des „Freundeskreises Erwin Bowien“, der das Werk und das Andenken des Malers aus Weil am Rhein pflegt.

Das Schreiben der Reichskulturkammer ist adressiert an die Solinger Adresse des Künstlers. Der Inhalt spricht für sich: „Gemäß der Anordnung über den Vertrieb minderwertiger Kunsterzeugnisse vom 1. Oktober 1940 bestimme ich, dass der Absatz, die Verbreitung von Erzeugnissen der Malerei, Bildhauerei und Graphik oder deren Vervielfältigung durch Sie meiner Genehmigung bedürfen“, wird dem Künstler in dem Brief mitgeteilt. Die Konsequenzen folgen auf dem Fuße: Mit sofortiger Wirkung werden Bowien der Absatz, die Verbreitung und Vervielfältigung mehrerer aufgeführter Kunstwerke untersagt. Die Liste umfasst im Wesentliche Werke, die mit der Stadt Augsburg im Zusammenhang stehen. Die Begutachtung der Bilder war durch den „Ausschuss zur Begutachtung minderwertiger Kunsterzeugnisse“ in Augsburg erfolgt. Eine zweite im Schreiben der Reichskulturkammer aufgeführte Liste beinhaltet Werke, die polizeilich beschlagnahmt wurden.

Exil in Holland und gefährliche Rückkehr

„Dieses aktuell aufgefundene Schreiben ist wohl im Nachgang zur Beschlagnahmung der Bowien-Bilder durch die Gestapo im Dezember 1943 in Augsburg entstanden, wo der Vorgang dann offenbar weiter nach Berlin zur Reichskulturkammer gegeben wurde“, ordnet Ayech das jüngst aufgefundene Dokument ein.

„Das Schreiben wurde an die letzte bekannte Adresse von Bowien in Deutschland gesendet – die Neuenkamperstraße 163 in Solingen“, erklärt Ayech. Dort erreicht ihn der Breif, der vom vom 2. März 1944 datiert, aber nicht mehr. Bowien hält sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Kreuzthal im Allgäu versteckt.

Denn der Nazi-Gegner Bowien war bereits früh mit dem NS-Regime in Konflikt geraten. „Er war zuletzt noch im Winter 1933 für die Solinger Volkshochschule tätig gewesen, bevor er Deutschland aus Gewissensgründen endgültig für sein selbst gewähltes Exil in Holland verließ“, zeichnet Ayech die Geschichte des Malers nach. Als Holland 1940 überfallen wurde, habe Bowien dann wohl nicht die finanziellen Mittel gehabt, um rechtzeitig nach England oder in die USA auszuwandern, oder aber er habe nicht rasch genug reagiert. So fasste der Künstler den gefährlichen Entschluss, sich in Deutschland durchzuschlagen – ohne gültige Militärpapiere. „Er war nie länger an einem Ort“, so Ayech.

In Augsburg wurde Bowien dann aber unvorsichtig und blieb sechs Monate. Aufgrund des herrschenden Mangels an Leinwänden und Rahmen erwarb Bowien wohl Hitler-Portaits, der er neu grundierte und anschließend für die Herstellung seiner eigenen Kunstwerke nutzte. Die Machthaber bekamen davon Wind. „Er wurde angezeigt und seine Bilder von der Gestapo beschlagnahmt“, so Ayech. In der Folge entstand das nun aufgefundene Schreiben der Reichskulturkammer.

Bowien entkam ins kleine Dorf Kreuzthal, das zwischen Kempten und Isny im Allgäu liegt, wo er – geschützt vom Dorfpolizisten – bis Kriegsende ausharren konnte, legt Ayech die folgenden Ereignisse dar. Bowien schrieb dort seine französischsprachigen Memoiren, die im Jahr 2000 in Paris erschienen sind.

Bis heute ein Teil der Weiler Geschichte

Nach Kriegsende lebte Bowien in Solingen sowie in Weil am Rhein im Elternhaus an der Bühlstraße. Viele Reisen, die ihn zu verschiedenen Zielen in Europa und darüber hinaus führten, prägten sein späteres Leben.

Nach Weil am Rhein war Bowien übrigens gekommen, nachdem sein Vater eine Stelle als Direktor des neuen Rheinhafens angetreten hatte. Und Weil am Rhein ist auch der Ort, an dem Bowien im Jahr 1972 mit 73 Jahren verstorbenen ist.

Bis zum heutigen Tag allerdings ist der Künstler in der Stadt präsent: Das Museum am Lindenplatz hatte ihm in den Jahren 2013 und 2014 eine große Sonderausstellung gewidmet und mehrere Werke des Künstlers sind weiterhin im Besitz der Stadt. Sie sind heute im Rathaus ausgestellt.

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