Weil am Rhein Von der kargen Fläche zum Gewerbe-Magnet

In den Märkter Industriearealen „Reigelhod“ und „Auf der Heißbrenne“ sind auf rund 16 Hektar eine Reihe von weltweit agierenden Unternehmen ansässig. Foto: Erich Meyer Foto: Weiler Zeitung

Eine erstaunliche Entwicklung vom armen Fischerdorf zum beachtenswerten Gewerbestandort für die Stadt und in der Region hat Märkt vollzogen. Gut 550 Arbeitsplätze bietet der kleine Ort, der auf gerade mal 760 Einwohner kommt. Und das, obwohl die Industrieansiedlung erst in den 1960er-Jahren begann.

Von Jasmin Soltani

Weil am Rhein-Märkt. Landwirtschaft und Berufsfischerei erlaubten seit je her nur ein kärgliches Leben. Als weitere Handwerksbetriebe sind eine Schleifmühle mit Hanfreibe aus dem 18. Jahrhundert und eine Gipsmühle überliefert, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts die Bauern mit gemahlenem Gips zur Aufbesserung der Böden versorgte. Mit Aufkommen der Industrialisierung arbeiteten die Märkter zunehmend in den Textilfabriken, vornehmlich in Friedlingen, bei der Bahn oder im Flussbau. Die Felder wurden, wenn überhaupt, nach Feierabend bestellt.

Als der Bau der Autobahn Ende der 1950er-Jahre die ohnehin schmalen Parzellen auch noch zerschnitt und eine Flurbereinigung die Flächen neu ordnete, fiel der Teil auf der Rheinseite der Autobahn der Gemeinde zu. Hier waren die Böden besonders karg, worauf schon der Name „Heißbrenne“ hindeutet, aber Gemeinderat und Bürgermeister Albert Rung wussten die Flächen zukunftsweisend zu nutzen: Als Industrie- und Gewerbeareal sollten sie den Ort voranbringen, die Gemeindekasse füllen und den Märktern Arbeitsplätze bringen.

Mit Wampfler fällt der Startschuss

Ein erster Interessent stand bald auf der Matte: Der Maschinenbauingenieur Manfred Wampfler suchte mehr Platz für seine 1959 in Lörrach gegründete Firma. Er fand ihn 1962 auf dem 124 500 Quadratmeter großen Grundstück auf der „Heißbrenne“, musste aber zunächst Wasser- und Stromversorgung stemmen, bevor das Gelände bebaut werden konnte. Im Sommer 1963 zog der Betrieb mit seinen sechs Mitarbeitern nach Märkt, in eine große Produktionshalle samt Verwaltungsräumen.

Rasch expandierte das Unternehmen, das sich auf die Entwicklung, Herstellung und den Vertrieb von Energie- und Datenzuführungssystemen für bewegliche Verbraucher spezialisierte und heute weltweit zu den Marktführern zählt. Mehrfach wurde der Standort Märkt ausgebaut, Niederlassungen im Ausland wurden gegründet, Firmen übernommen. 1975 beschäftigte Wampfer 90 Personen, davon 34 aus Märkt. Zehn Jahre später arbeiteten 200 Menschen im Märkter Werk, und als sich Manfred Wampfler 1993 aus dem operativen Geschäft zurückzog, waren es 450.

Auch Ausbildung steht im Mittelpunkt

Seit 2007 gehört die Wampfler AG zur französischen Delachaux-Gruppe mit dessen Sparte für Energie- und Datenübertragung es als Conductix-Wampfler GmbH firmiert. Das Unternehmen mit weltweit 1400 Beschäftigten an zwölf Standorten zählt am Stammsitz Märkt, das größtes Werk geblieben ist, 400 Mitarbeiter. Etwa 30 junge Menschen werden in gewerblichen und technischen Berufen ausgebildet. Dass die Conductix-Wampfler Gruppe in 15 Industriebrachen tätig ist, lässt Geschäftsführer Peter Böhler denn auch gelassen in die Zukunft schauen – globalen Unsicherheiten und einer möglichen Konjunkturdelle zum Trotz. Der Blick in die Zukunft richtet sich neben weiteren Innovationen zur Energieeinsparung und Digitalisierung deshalb auch auf eine Weiterentwicklung und Optimierung des Standorts Märkt und seinen gut 50 Jahre alten Gebäuden, sagt Böhler.

Weitere Firmen siedeln sich im Lauf der Zeit an

Zurück in die 1960/70er Jahre: Die Erschließung des Gewerbegebiets zog weitere Firmen an: Aus Basel kam 1971 die Josef Lüber GmbH, die kunstgewerbliche Artikel vertrieb und mit 24 Mitarbeitern ins „Reigelhod“ nördlich der Rheinstraße zog, wo sie eine damals spektakuläre Halle baute. Aus Basel folgte die Papierveredelungsfirma Werner Kupferschmid. 25 Beschäftigte stellten auf der Heißbrenne gummierte Papiere für Etiketten und Briefmarken her. 1974 kam Werner Vollmer mit seinem Metallbaubetrieb

Inzwischen hat sich das Spektrum gewandelt. Auf dem 7000 Quadratmeter-Areal von Kupferschmid betreibt die Firma Remondis eine Entsorgungsanlage für Gewerbeabfälle sowie für den Landkreis Lörrach den Recyclinghof für Wertstoffe aus Privathaushalten. 26 Mitarbeiter zählt der Standort, der laut Werksleiter Stefan Jansik „aus allen Nähten platzt“. Mindestens die gleiche Fläche bräuchte es für Weil, aber eine Lösung sei nicht in Sicht. Seit Anfang der 1990er-Jahre wird das Areal zur Wertstoffsammlung genutzt, damals von der Firma Meyer und den Oberrheinischen Rohstoffverwertung- und Recyclingbetrieben Obreg.

Nach wie vor kommen Betriebe hinzu

Zu den neueren Ansiedlungen zählt die Firma Humantechnik, die mit 40 Mitarbeitern Hilfsmittel für Hörgeschädigte, wie etwa spezielle Lichtsignalanlagen, entwickelt und vertreibt. Geschäftsführer Gerhard Sicklinger zog 2002 mit dem 1985 gegründeten Betrieb ins „Reigelhod“. Das expansive Unternehmen befasst sich auch mit der audiovisuellen Barrierefreiheit in größeren Gebäuden.

„Reigelhod“ bleibt im Wandel: Der Kolbenhersteller Wössner und die Schreinerei Ranz sind nach Haltingen umgezogen, aber einen Leerstand gibt es deshalb nicht. Das amerikanische Unternehmen Fisher Clinical Services, das Wirkstoffe zur Studienmedikation herstellt und in Märkt 50 Mitarbeiter zählt, hat bis zur Vollendung seines Neubaus in Herten rund 5300 Quadratmeter der gut 7200 Quadratmeter Liegenschaften gemietet, die der Würzburger Grundstücksverwaltung GmbH beziehungsweise Wolfgang Würzburger gehören. Weitere Flächen nutzen die Firma Eliandro (Lebensmittelgeschäft „Little Italy“ in der Kernstadt), die Acito Logistics GmbH und Conductix-Wampfler. Im Wörth angesiedelt sind zudem das Unternehmen Proxima Medical Systems, das medizinische Diagnosegeräte vertreibt, die Dermata-Lederwaren GmbH sowie Anbieter aus den Bereichen Garten- und Sportanlagenbau. Insgesamt 20 Betriebe listet die Weiler Wirtschaftsförderung für Märkt auf, zudem eine Reihe von Selbstständigen.

Flächenpotenzial vollständig genutzt

Platz für weitere Neuansiedlungen aber bestehe nicht, sagt Wirtschaftsförderer Peter Krause. Auch der Erste Bürgermeister Christoph Huber betont mit Blick auf die Begrenzung durch Autobahn, Rhein, Waldflächen und Schutzgebieten: „Da ist aktuell keine Luft nach oben.“

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