Wie Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden können, hat eine Infoveranstaltung für Weiler Firmen im Rathaus beleuchtet, die von der Stadtverwaltung und der Agentur für Arbeit in Lörrach organisiert worden war. Zahlreichen Unternehmern zeigten Interesse. Von Carina Stefak Weil am Rhein. Neben Sprache, Bildung und kulturellem Verständnis nannte OB Wolfgang Dietz die Beschäftigung als zentralen, sinnerfüllenden Baustein, durch den Flüchtlinge in einer fremden Umgebung ankommen und in der Gesellschaft Fuß fassen können. Dass einige Firmen, wie Dietz informierte, bereits Praktika für Flüchtlinge angeboten haben, wertete der OB als Zeichen eines großen Interesses – und lag damit goldrichtig. Eifrig wurde mitgeschrieben, abgespeichert und nachgefragt. Günter Michel von der Arbeitsagentur Lörrach, der gerade dabei ist, ein „Kompetenzzentrum Asyl“ zu etablieren, informierte über die aktuelle Statistik im Landkreis, über Ausbildungmöglichkeiten sowie Förderprogramme und finanzielle Hilfen, alles mit dem Ziel, die Flüchtlinge auf dem hiesigen Arbeitsmarkt unterzubringen. So einfach ist das aber gar nicht, machte Michel deutlich. „Ich werde oft gefragt, wie viele ich schon vermittelt habe –­ dabei ist ein Großteil der Menschen noch nicht einmal ein halbes Jahr hier.“ Das Ganze brauche seine Zeit, vor allem wegen der rudimentären Sprachkenntnisse (zur Sprachförderung berichten wir gesondert). Viele haben gute Bleibeperspektive Dennoch: Die Anstrengungen könnten sich lohnen. Ein Großteil der Menschen stamme aus Syrien, Iran, Irak, Afghanistan, Pakistan oder Eritrea und habe große Chancen auf Anerkennung als Asylbewerber und somit eine gute Bleibeperspektive. Zehn bis 15 Prozent der bei der Arbeitsagentur registrierten Flüchtlinge haben einen akademischen Abschluss. Ungefähr genauso viele sind Analphabeten. Von den Übrigen haben zwar viele in ihrer Heimat eine Ausbildung gemacht, diese sei mit unserer betrieblichen Ausbildung aber nicht vergleichbar. 1 000 Arbeitsprofile haben Günter Michel und sein Team bereits erstellt, 200 bis 250 seien so, dass man sie direkt dem Arbeitsmarkt zuführen könnte, aber nicht alle seien eins zu eins „verwertbar“. Ärzte hätten Probleme, ihr Studium anerkennen zu lassen. Lehrer könnten aufgrund der Sprachschwierigkeiten hierzulande oft nur als Erzieher arbeiten. Bei Diplom-Ingenieuren komme es auf das Fachgebiet an. Laut Michels ist es äußerst schwierig, anhand der Angaben der Flüchtlinge zu ihren Fähigkeiten Rückschlüsse auf die tatsächlichen Kompetenzen zu ziehen. Michel nannte als Beispiel einen Mann, der angab, Konstrukteur zu sein – in Deutschland ein Ingenieursberuf, in der Heimat des Flüchtlings eher eine praktische Hilfstätigkeit. Die Motivation der Menschen sei groß, aber das hiesige System sei ihnen fremd. Für Günter Michel und sein Team vom „Kompetenzzentrum Asyl“ ergeben sich dadurch Schwierigkeiten, bei deren Bewältigung er auf Partner angewiesen ist. Und das sind die Unternehmen. Arbeitssituation in zwei Welten Michel: „Für uns ergibt sich ein diffuses Bild. Es ist unsere Kernaufgabe, die Fähigkeiten dieser Menschen zu erfassen. Aber wir können nicht danach gehen, was sie uns erzählen. Die Arbeitswelt in den Heimatländern und die unsere – das sind zwei Welten. Dort gibt es kaum produzierendes Gewerbe und sehr wenig Technologie. Deshalb brauchen wir die Profis aus der Praxis, Kollegen und Chefs in den Betrieben, die uns Rückmeldungen zum tatsächlichen Kenntnisstand einer Person geben. Deshalb freue ich mich über jeden Unternehmer, der sagt: ’Ich probiere das.’“ 185 000 Flüchtlinge sind bis Ende 2015 nach Baden-Württemberg gekommen, 2 060 in den Landkreis Lörrach. Weitere 3 000 werden für 2016 erwartet. Die Hälfte hat eine gute Bleibeperspektive, legte Günter Michel dar. 75 Prozent der Flüchtlinge sind männlich, das Durchschnittsalter liegt bei 23 Jahren. „Ein Viertel der Menschen ist sogar jünger als 18 – das ist das Potenzial, mit dem wir arbeiten und aus dem wir viel rausholen können.“ Hoher Erwartungsdruck von beiden Seiten Ein Problem sei der hohe Erwartungsdruck vonseiten der Betriebe („Wann schickt ihr uns endlich Fachkräfte"“), aber auch der Flüchtlinge: „Viele sind mit der Erwartung gekommen, dass sie sehr bald Geld verdienen können. Mit Sprachkursen, Schul- und Ausbildung kommen da aber schnell ein paar Jahre zusammen, ehe man tatsächlich arbeiten kann. Da gibt’s schon mal lange Gesichter. Andererseits können wir nicht hunderte Hilfsarbeiterstellen einrichten.“ Abschließend appellierte Michel an die Unternehmer, offen für Praktika zu sein und der Arbeitsagentur Rückmeldung zu geben. Auch Geduld und Verständnis seien wichtig, wenn Bewerbungen von Flüchtlingen unkonventionell aussähen. Und schließlich bat Michel die Zuhörer, Flüchtlinge nicht aus Förderprogrammen zu reißen, nur damit sie „schnelles Geld“ verdienen. Sie sollen nachhaltig in den Arbeitsmarkt integiert werden.