Heidelberg - Es hört sich so einfach an: Bevor ein Krebskranker mit der Therapie beginnt, wird ihm erst Blut abgenommen. Innerhalb von zwei Tagen entschlüsseln Molekularbiologen sein komplettes Genom, sowie das seines Tumors. So verstehen sie, welche Genfehler dazu führen, dass Gewebe unkontrolliert wuchert. Mit diesem Wissen können die Ärzte die Krebstherapie auf den Patienten exakt abstimmen. Diese Therapie schlägt dann nicht nur schneller an – sondern hat auch kaum Nebenwirkungen.

Personalisierte Medizin heißt diese Methode, die bald in Kliniken im Kampf gegen Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes und Herzleiden angewendet werden soll. So wünschte es sich Otmar Wiestler, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg: „Ärzte wissen seit langem, dass Krankheiten bei Patienten individuell sehr unterschiedlich verlaufen können“, sagt er.

Bislang galt für Therapien das Motto: Ein Medikament passt für jeden. Doch gerade bei Krebs lassen sich besonders viele Unterschiede feststellen. So gibt es über 200 verschiedene Krebstypen, da praktisch alle Organe und Gewebe betroffen sein können. „Zudem haben wir gelernt, dass auch ein und dieselbe Krebserkrankung oft unterschiedliche biologische Grundlagen haben kann“, so Wiestler.

20 individualisierte Krebsmedikamente hierzulande zugelassen

Und das hat wiederum große Auswirkungen auf die Behandlung. Denn was dem einen hilft, ist für den anderen nutzlos: Wie das Medikament Herceptin, ein Antikörper, das bei Brustkrebs eingesetzt wird. Es erkennt und blockiert ein Eiweiß auf der Oberfläche der Krebszellen, das krankhaft vermehrt vorhanden ist und das die Tumorzellen zum Wachsen anregt. Tatsächlich aber hat nur jede vierte Frau mit Brustkrebs die genetische Voraussetzung, dass das Medikament wirkt. Beim Rest zeigt das Mittel keinerlei Wirkung. „Um also abzuklären ob Herceptin verschrieben werden darf, nehmen Ärzte einen Gentest vor.“

Bislang sind 20 solcher individualisierter Krebsmedikamente hierzulande zugelassen, so der Verband deutscher Arzneimittelhersteller. Fast alle Präparate dürfen nur verschrieben werden, wenn ein Gentest ergeben hat, dass der Tumor darauf anspricht.

Die Medizin will aber weiter: Der Genforscher Francis Collins vom National Institutes of Health in den USA hält es für möglich, dank der Erbgut-Analyse auch maßgeschneiderte Medikamente zu entwickeln. Er verglich unlängst die klassische Krebstherapie mit einem Flächenbombardement. „Was wir aber wollen, sind Angriffe mit zielgenauen Waffen.“ So könnten sich künftig mehr unnötige Therapien vermeiden lassen.

Doch die Entwicklung dieser Waffen ist teuer. Zwar sind die onkologischen Mittel das am stärksten wachsende Segment bei den Medikamenten. Doch der Wiesbadener Mediziner und Wirtschaftswissenschaftler Michael Schlander warnt: Neu entwickelte Mittel, die nur bei wenigen angewendet werden können, werden zu steigenden Kosten für den einzelnen Patienten führen. Zugleich aber die Forschungs- und Entwicklungskosten für die Pharmaindustrie vergleichbar sind mit denen anderer Mittel.

„Kunst wird darin bestehen, für den einzelnen Patienten herauszufinden, welche Kombination bei ihm wirkt“

Daher fürchten Kritiker, dass die Qualitätssicherung der Medikamente aufgrund der Individualisierung leiden wird. Normalerweise muss ein neues Krebsmedikament in einer aufwendigen Studie gegen die klassische Therapie antreten. Der Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, ist überzeugt: Mit der personalisierten Medizin können sich Hersteller diesen Aufwand und damit viel Geld sparen. Denn wenn jede Krebserkrankung als einzigartig angesehen wird, werden auch die Medikamente dagegen als Mittel gegen „seltene Krankheiten“ angesehen. Und diese müssen laut Gesetzgeber nicht so streng geprüft werden.

Der Heidelberger Krebsforscher Otmar Wiestler gibt sich dennoch zuversichtlich: „Es ist unrealistisch zu glauben, man könne mit einem einzelnen neuen maßgeschneiderten Medikament einen Patienten heilen.“ Was dagegen Erfolg verspreche, sei die maßgeschneiderte Kombination von klassischer Krebstherapie und individueller Behandlung. „Die Kunst wird darin bestehen, für den einzelnen Patienten herauszufinden, welche Kombination bei ihm wirkt.“

Und es gilt zu klären, wie es um den Datenschutz bestellt ist. Denn je genauer der Krebs eines Patienten analysiert werden kann, desto größer wird auch die Datenflut, die irgendwo sicher abgespeichert werden muss. Denn mit der Genanalyse wächst auch das Wissen, was dem Krebspatienten vielleicht außer seinem Tumor noch blühen könnte – beispielsweise welche Erbkrankheiten er in sich trägt. „Welche Informationen gibt man also dem Betroffenen weiter?“ fragt der Heidelberger Molekulargenetiker Peter Lichter. Noch gebe es dafür keine allgemeingültigen Leitlinien. Aber immerhin eine Ethikkommission, die sich nun um diese Fragen kümmern will.