Zell im Wiesental Der Süden lockt längst wieder

Zell-Gresgen - Spezielle Zeiten erfordern spezielle Unternehmungen. Und da man von Zeit zu Zeit ohnehin mal die allzu bequeme Komfortzone verlassen sollte, geht es – ganz legal, aber auch ein bisschen verrückt – vom Schwarzwald-Bergdorf Gresgen zum Sehnsuchtsziel Lago Maggiore. Mit dem Fahrrad, an einem Tag, in den Alpen auch mit dem Zug. 

Das Abenteuer ist die logische Fortsetzung des Vorjahreserlebnisses, damals am ersten Tag nach Beendigung des ersten Lockdowns, als es per pedes auf derselben Strecke in acht Tagen auf eine Tour voller fantastischer Eindrücke ging, die die Tristesse der Pandemie vergessen ließ. Corona ist noch immer nicht vorbei, aber endlich der lange Winter – und der Süden lockt schon längst wieder.

Früh um 6 Uhr den Drahtesel aus der Garage geholt

Es ist ein frischer Frühlingsmorgen, als der Drahtesel früh um 6 Uhr aus der Garage in Gresgen geholt wird. Nach nur einer Stunde Fahrzeit ist das erste große Gewässer erreicht, der Hochrhein, der still mit leichtem Nebelschleier im ersten Sonnenlicht daliegt.

Der Rhein ist auch die erste Grenze des Tages, die man aber am Fußgänger-Übergang des Wasserkraftwerks Ryburg kaum wahrnimmt. Durch zwei verschwiegene und kaum befahrene Täler schlängeln sich die Sträßchen fast ohne Autoverkehr durch den Jura, nur zweimal geht es knackig bergauf, bis man oben am Hauenstein den nächsten Kanton erreicht. Eine schöne Abfahrt führt zum zweiten großen Gewässer, der grünen Aare in Olten.

9.30  Uhr. Ein Seitenblick muss diesmal genügen für die Bilderbuchfestung Aarburg, die größte Burganlage der Schweiz, heute ein Jugendknast. Jetzt heißt es Strecke machen. Gut 50 Kilometer sind es bis Bern durchs ziemlich flache Mittelland, die mit etwas Rückenwind in knapp zwei Stunden machbar sind.

Landschaftlich reizvoller zieht dann das Bigental ins Emmental. Am höchsten Punkt dieser für ihren Käse berühmten Region belohnt eine Aussicht auf die glänzenden Firnflanken des Berner Oberlandes die Anstrengung.

Malerische Radwanderstrecke nach Thun

Auf einer malerischen Radwanderstrecke geht es zügig weiter nach Thun am gleichnamigen See mit dem sehenswerten Schloss. Auch hier gibt es noch keine Pause, denn in 45 Minuten soll der Eurocity erwischt werden, der den Radfahrer durch Lötschenberg-Tunnel und Simplon befördern soll.

Der Zug wird erreicht, aber der Schaffner wirft den enttäuschten Radler raus, weil er neben einem Erstklasseticket und einem Zusatzbillett keine Reservierung für das Rad hat, die jetzt obligatorisch ist. Zum Glück folgt ein Bummelzug auf derselben Strecke, der den Radler doch noch mitnimmt.

Die Beine werden schwer, das härteste Stück steht noch bevor

Die italienische Grenze wird im Tunnel passiert. Durch das Val Vigezzo und das wildromantische Cannobinatal folgen die letzten Etappen auf zwei Rädern. Die Beine werden schwer, aber das härteste Stück folgt erst noch, sehr steil und überwiegend schiebend ziehen 700 Höhenmeter auf einem Maultierpfad hinauf zu einer lieb gewordenen Alm, ein zweites Zuhause.

Die Sonne ist längst untergegangen, als die letzten Schritte des Ankommens nach einer 14-Stunden-Tour Hochgefühle von Freude und Erleichterung freisetzen. Wieder einmal hat sich ein Kraftakt gelohnt und beschert tiefe Zufriedenheit.

taliener haben in der Pandemie ihre Leichtigkeit verloren

Der Lago Maggiore, halb schweizerisch, halb italienisch, könnte in diesen Zeiten kaum widersprüchlicher sein. Die Italiener haben in der Pandemie ihre fröhliche Leichtigkeit verloren, sind zu Grüblern und Zweiflern geworden. Die geliebte Verwandtschaft in einer anderen Provinz kann immer noch nicht besucht werden. Viele Arbeitsplätze, die vom Tourismus abhängen, sind verloren gegangen. Und das in einem Land, das schon vor Corona wirtschaftlich am Boden lag, wo die Regierungsbündnisse wie Seifenblasen platzen und eine ganze Generation resigniert. Jetzt feiert das alte Schreckgespenst Mafia fröhliche Urständ.

Da auch der Impfplan Italiens der Zeit hinterherhinkt, befürchtet so mancher Wirt, dass auch diese Saison abgehakt werden muss. Die Leere in den Winkeln und Gassen der Dörfer wirkt jedenfalls beinahe bedrückend. 

Gespenstische Ruhe auf dem Markt

Am Sonntagmorgen bauen die Markthändler von Cannobio ihre Stände an der Uferpromenade auf und verbreiten ein Stück Normalität – nur das diesmal keine Einkaufstouristen aus Deutschland oder der Schweiz kommen, die sonst sogar mit Bussen angekarrt werden. Nun bummeln zwei betagte Signoras an den Ständen vorbei. Kaufen werden sie nichts. Es ist eine gespenstische Ruhe auf dem Markt, nur die See glitzert verführerisch wie immer. 

Szenenwechsel. An der Uferpromenade von Ascona am Schweizer Seeende flanieren die Schönen und Reichen wie immer. Blauregen und Kamelien stehen in voller Blüte. Die Platanen sind hübsch coupiert. Sobald sich die Flaneure vor eines der geöffneten Cafés setzen, nehmen sie die Maske ab, genießen ihren Cappuccino und lachen unbeschwert in den Sonnentag hinein.  Fast scheint es, als wollten die Tessiner in diesen Tagen zeigen, dass sie die besseren Italiener sind.

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