Zell im Wiesental Immer etwas Positives mitgenommen

Anja Bertsch
Rana Suleiman ist beim Stipendienprogramm „Talent im Land“ dabei. Foto: Anja Bertsch

„Ich habe mich sofort in die Atmosphäre verliebt“, schwärmt Rana Suleiman, als sie sich an ihre erste Begegnung mit dem Stipendienprogramm „Talent im Land“ (TiL) erinnert. Per Video war das, vermittelt über einen Link im Klassenchat. „So viele tolle, Menschen. So klare Ziele. Ich wollte wirklich gerne ein Teil davon sein.“

Von Anja Bertsch

Zell. Nur einen Moment später allerdings kam die Ernüchterung: „Ich dachte sofort auch: Da kann ich nicht mithalten. Das bin ich nicht.“

Nun ist sie es doch: Vor einem Monat wurde die 19-jährige Zellerin gemeinsam mit 52 weiteren Jugendlichen offiziell ins Stipendienprogramm des Landes Baden-Württemberg aufgenommen. Bis zu ihrem Abitur bekommt Rana nun 150 Euro monatlich aus dem Förderprogramm, dazu ideelle und individuelle Unterstützung via Workshops und Mentoring. Das Beste aber in den Augen von Rana: Die Zugehörigkeit zu einem Kreis toller Menschen – der „TiL-Familie“.

Geboren wurde Rana Suleiman 2002 in Deutschland. Im Alter von zwei Jahren zog ihre Mutter gemeinsam mit ihr und dem großen Bruder in ihre alte Heimat Sudan; der Vater blieb in Deutschland. Weil die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Sudan immer schwieriger wurden, kam Rana zusammen mit ihrer Mutter und ihren mittlerweile zwei Geschwistern 2014 im Alter von zwölf Jahren zurück nach Deutschland und wohnte hier mit ihrer Familie zunächst in Schopfheim, mittlerweile in Zell.

Die erste Zeit in Deutschland war hart. „Ich war sehr schüchtern und zurückhaltend“, beschreibt Rana ihr damaliges Ich. „Ich hatte eigentlich soooo viel im Kopf – konnte es aber einfach nicht rausbringen, weil mir die deutschen Worte fehlten.“ Für diese Zeit – sie dauerte etwa ein Jahr – hat Rana im Rückblick einen augenzwinkernden Begriff gefunden: „Das war mein Stillphase“, sagt sie, und kann im Nachhinein darüber schmunzeln – angesichts des Wegs, den sie mittlerweile genommen hat, und angesichts des lebhaft-lockeren Sprachflusses, mit dem sie nun in perfektem Deutsch davon erzählen kann.

Aktuelle Station auf diesem Weg: Den Abschluss an der Realschule (Gesamtnote: 1,5) in der Tasche, ist Rana nun dabei, das Abitur am Lörracher Wirtschaftsgymnasium zu machen, mit Schwerpunkt auf internationaler Wirtschaft.

Einen wichtigen Anteil an diesem Weg hat – neben ihren eigenen Begabungen natürlich –, dass Rana die richtigen Leute in ihrem Umfeld hatte und hat. Ihre Familie zum Beispiel. Freundinnen, die sie zum Wechsel auf eine weiterführende Schule motivierten. Oder den Lehrer, der sich nach ihrer Ankunft in Deutschland besonders engagiert darum bemühte, ihr und ihrem Bruder den Einstieg in die deutsche Sprache zu ermöglichen. „Er ist einfach mit uns rausgegangen und hat uns alles direkt im Alltag erklärt“, so Rana, „durch ihn habe ich Deutsch gelernt.“

Sobald sie selbst dann soweit war, gab Rana diese Erfahrungen denn auch direkt weiter: Sie gab Nachhilfestunden für Flüchtlinge, übersetzte an Elternabenden aus ihrer Muttersprache – dem Arabischen – ins Deutsche, und hatte grundsätzlich ein offenes Ohr für diejenigen in der Klasse oder im Umfeld, die es – aus welchem Grund auch immer – nicht einfach hatten. „Ich weiß ja wie das ist“, sagt sie.

Dem aufmerksamen Blick der Lehrer an der Schopfheimer Gemeinschaftsschule, ihrer Ermutigung und Motivation ist es denn auch zu verdanken, dass Ranas Schulkarriere den Turbo einlegte, nachdem es anfangs wegen der fehlenden Sprache ausgesprochen zäh war: Obwohl vom Alter und von ihrer Schullaufbahn im Sudan her bereits Siebtklässlerin, musste Rana bei ihrer Ankunft um Pfingsten herum wegen der fehlenden Sprache in der 5. Klasse einsteigen – und wurde am Ende des Schuljahrs sogar noch ein weiteres Mal zurückgestuft. Nach etwa einem Jahr jedoch passte es (auch) mit der Sprache – so weit, dass aus einer Schnupperwoche der Quereinstieg in die Montfort-Realschule in Zell gelang, und nun eben der Weg aufs WG. Was daraus dann werden soll – welches Studium, welcher Beruf, – ist noch offen. Aber was es auch immer wird: „Ein Wirtschaftsabi ist sicher eine gute Grundlage“, findet Rana.

Zahlreiche Brüche, Wechsel und Neuanfänge also bestimmen den Weg Ranas bis heute – und dank ihrer Offenheit und Begeisterung hat sie offenbar aus allem immer auch Positives mitgenommen. Freunde vor allem, und dazu jede Menge Erfahrungen und die Zuversicht, dass Dinge sich zum Guten wenden und wenden lassen.

Dieser Hintergrund sorgte letztlich auch dafür, dass sie trotz dem anfänglichen Zweifeln ihre Bewerbung für „Talent im Land“ wagte und die Jury in einem mehrstufigen Auswahlverfahren – vom Motivationsschreiben, übers Aufgabenlösen in der Gruppe bis hin zum Einzelgespräch – von sich überzeugte.

„Als die Nachricht kam, dass ich aufgenommen bin, war das einer der schönsten Momente überhaupt. Ich bin einfach glücklich, da dabei sein zu dürfen“, erzählt Rana, und kann ihr Glück darüber offenbar noch immer nicht recht fassen. Eine wichtige Erfahrung hat ihr das Ganze schon jetzt gegeben: „Man sollte nicht zu lange überlegen und an sich zweifeln: Bin ich gut genug? Man muss es einfach versuchen.“ Und genau das will sie nun auch anderen vermitteln – und hat da als erstes ihre kleine Schwester im Visier: „Die passt da noch viel besser hin als ich.“

In diesem Sinne hat Rana denn doch auch jetzt schon eine Antwort auf die Frage nach ihren Zielen: „Ich will unbedingt, dass das ,was ich mache, andere berührt und inspiriert. Ich möchte gerne für andere ein Beispiel sein und ihnen helfen. Ich möchte ihnen zeigen, dass sie alles erreichen können, was sie sich wünschen, egal woher sie kommen, wie sie aussehen und was ihnen die anderen sagen.“

Unter dem Motto „Talent kennt keine Herkunft“ werden im Rahmen des TiL-Programms besonders talentierte Jugendliche unterstützt, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft Hürden zu überwinden haben auf ihrem Weg zum Abitur oder zur Fachhochschulreife.

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