Zell im Wiesental „Müssen den Gürtel enger schnallen“

Gerald Nill

Die Unsicherheit der Energieversorgung ist eine der ganz großen Herausforderungen unserer Zeit. Daran ließen Vertreter der regionalen Energiewirtschaft in einer Podiumsdiskussion auf Einladung der FDP im Textilmuseum Zell keinen Zweifel. Auf die Probleme möglicher Black Outs im Winter, unabsehbare Preissteigerungen in den nächsten beiden Jahren sowie soziale Härten müssten Antworten gefunden werden. Nicht alle Lösungen werden bequem sein.

Von Gerald Nill

Zell. „Wir müssen raus aus dem Tal der Romantik“, forderte der FDP-Bundestagsabgeordnete Christoph Hoffmann als Einlader der hochkarätigen Diskussionsrunde, an der unter anderem acht Bürgermeister aus dem Wiesental teilnahmen. Zu vorgerückter Stunde präzisierte der Politiker, was damit gemeint sein könnte. Obwohl er selbst kein Freund der Windenergie sei, dürften Windkraftanlagen selbst auf dem Feldberg kein Tabu sein, wenn es um die Versorgungssicherheit Deutschlands gehe.

Aber der Reihe nach: Noch keine Bundesregierung zuvor habe soviele Krisen gleichzeitig meistern müssen, leitete Hoffmann ein: abgebrochene Warenlieferketten und Corona, Energieknappheit und eine hohe Inflation. „Deutschland ist im Zentrum des Problems“, stellte der Liberale fest, ausgelöst durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Aber das Regierungstrio habe rasche Antworten gefunden. Nur ein einziges Mal erlaubte sich Hoffmann eine Spitze gegen Scholz. Schon in der Einleitung skizzierte Hoffmann, wohin die Reise geht. Selbst der passionierte „alte Surfer“, der auf dem Schluchsee vergeblich auf ein Lüftchen wartet, schwenkt jetzt zur Windkraft um. „Dabei wollten wir die Landschaft und den Tourismus im Schwarzwald schützen.“ Grüner Wasserstoff und Sonnenenergie aus Marokko – das seien nur mittelfristige Strategien bei der Energiewende, aber die helfen im kommenden Winter nicht. Wenn die drei Atomkraftwerke, die noch am Netz sind, weiterlaufen, können sie sechs Prozent der Stromversorgung abdecken. Damit könne Gas für die Industrie eingespart werden, warb Hoffmann. Die Meiler „drei bis fünf Jahre weiterlaufen zu lassen, ist eine der wenigen Möglichkeiten, die wir haben“, meinte er. „Wir müssen uns etwas zumuten“, forderte er. Dasselbe gelte auch für das Einkassieren eines Erlasses, Holzheizungen abzuschaffen, was durch die Aktualität völlig überholt sei.

Badenova-Vorstand Heinz- Werner Hölscher setzte den Fokus auf den Wärmemarkt, der so groß sei wie das Stromvolumen und der Verkehr zusammen. Da räche sich die Abhängigkeit von einem Akteur wie Russland. Hölscher warnte, dass der gesellschaftliche Sprengstoff der Gaspreisverteuerung heute noch gar nicht bewusst sei. Die eigentliche Kostenlawine komme aufgrund der Langzeit-Preisbindung beim Gaspreis nämlich erst in ein, zwei Jahren. Sie werde Familien dann möglicherweise mit 250 Euro monatlich belasten – und das sei für Geringverdiener nicht zu leisten. Gemeinsam mit der Politik müssten Lösungen gefunden werden, wie Familien entlastet werden können.

Gaspreise steigen deutlich

Für die EOW beleuchtete Sebastian Giesel das Problem aus Sicht eines lokalen Energieversorgers aus Todtnau. Der Tenor war indessen der gleiche: „Es wird Kunden geben, die die neuen Gaspreise nicht bezahlen können.“ Er skizzierte, wie schnell sich das Blatt wenden könne. Gerade habe man noch die regenerative Nahwärme aus Holz mühsam bewerben müssen, was angesichts eines niedrigen Gaspreises schwierig gewesen sei. „Seit der Ukraine-Krise stehen die Leute aber bei uns Schlange und fragen, wann sie ans Wärmenetz angeschlossen werden können.“ Giesel weiter: „Die Denkweise hat sich dramatisch verändert.“ Auch der EOW-Chef warnt vor einem gesellschaftlichen Sprengstoff durch die Gaspreis-Explosion.

Betont kämpferisch gab sich Sebastian Sladek von den Elektrizitätswerken Schönau: „Wir müssen jetzt Ersatz fürs Gas beschaffen und dürfen nicht in die nächste Falle tappen und uns von Katar abhängig machen.“ Sladeks Credo: „Wir müssen in erneuerbare Energien investieren, koste es, was es wolle.“ Statt Atomkraftwerke länger laufen zu lassen, müssten die „Gürtel enger geschnallt werden“, widersprach Sladek dem liberalen Einlader.

Mit Herbert Kaiser bekam ein Wasserenergie-Enthusiast das Wort: „Endlich hat es geregnet und die Wasserturbinen laufen wieder.“ Kaiser, der sich selbst als „Freak“ bezeichnet, legte den Fokus auf Genehmigungsverfahren, die kein normaler Antragsteller durchstehen kann. Bis zu 20 Jahre könne das Genehmigungsverfahren für eine Wasserkraftanlage dauern. Die Odyssee Kaisers durch die Instanzen entlockte vereinzelte Lacher. Ein Lachen, das einem bei der Ernsthaftigkeit des Themas jedoch im Halse stecken bleibt. Das Fazit Kaisers: „Jedes Kilowatt, das regenerativ erzeugt wird, ist ein Gewinn.“ Kaiser erhielt einen Extra-Applaus für seine Leidenschaft.

Verdoppelte Stromkosten

Dass die Industrie im Wiesental ohne die Wasserkraft undenkbar gewesen wäre, beleuchtete anschließend Unternehmer Hanspeter Bernauer, der selbst eine Wasserturbine für sein eigenes Textilwerk in Todtnau betreibt. Senior Bernauer beschrieb, dass er nun seine achte Rezession in 60 Jahren erlebt. Aber diesmal könnte es richtig ernst werden, hat man das Gefühl. Die Stromkosten verdoppeln sich dieses Jahr auf weit über zwei Millionen Euro. „Wer soll da überleben?“, fragte Bernauer in die Runde. Ein möglicher Blackout im Winter sei ein Schreckgespenst, weil es Stunden dauere, die Maschinen danach wieder hochzufahren. Auf der anderen Seite stünden 276 internationaleKunden und volle Auftragsbücher. Schon deshalb müsse er durchhalten, erklärte Bernauer. Nur wie? Am Ende pflichtete Hoffmann bei: „Einen Blackout können wir uns nicht leisten.“

Im Diskussionsteil des Abends meinte ein Zuhörer, es sei absurd, dass der Strompreis derart stark durch den Gaspreis bestimmte werde, obwohl der Anteil des Gases an der Stromerzeugung nur 15 Prozent betrage.

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