Zell im Wiesental Zwischen Schein und Sein

Markgräfler Tagblatt, 18.05.2018 04:09 Uhr

Von Jürgen Scharf

Z ell-Gresgen. Rembrandt, Raffael, Vermeer, Caesar van Everdingen: Berühmte Maler der Renaissance und Barockzeit sind zurzeit in Gresgen zu sehen. Das wäre eine Sensationsmeldung – auf den ersten Blick. Auf den zweiten Blick entdeckt man in der Jubiläumsausstellung zum 30-Jährigen der dortigen Galerie am Brühl, dass hier nicht die Alten Meister versammelt sind, sondern Zitate aus deren Gemälden, die der Stammkünstler der Galerie, Kurt Mair, in seinen modernen Bildwerken verarbeitet und verfremdet.

Und doch ist man immer geneigt, zu erfragen, wer auf diesen Werken abgebildet ist. Es sind Selbstbildnisse von Rembrandt, das Porträt des edlen Herrn Agnolo Doni von Raffael (aus dem Jahr 1506), die Frau mit rotem Hut von Vermeer, und das kleine Mädchen mit dem Hund des weniger bekannten Niederländers van Everdingen. Und jetzt erschließt sich auch der Ausstellungstitel wie von selbst: „Der erste und der zweite Blick“.

Der erste Blick zeigt alles, wie es scheint, der zweite Blick, wie es ist. So könnte man es vereinfacht sagen. Die Ausstellung sagt es philosophischer. Der erste Blick schafft Ordnung, er registriert und sortiert. Der zweite Blick ist tiefer und genauer, nimmt sich Zeit und offenbart mehr als der erste Blick. Dass der zweite Blick auch das Eigene im Fremden erschließt und das Fremde im Eigenen, zeigt einmal mehr die Malerei von Kurt Mair. Entdeckt man doch in seinen Figurenbildern und Akten Überraschendes, Unbekanntes, Geheimnisvolles, auch Merkwürdiges.

Grafiker und Maler

1991 stellte der meisterhafte Grafiker und Maler zum ersten Mal in der Galerie von Liesa Trefzer aus, damals nur grafische Arbeiten. Inzwischen ist es längst Mairs Markenzeichen, dass er eine Brücke schlägt vom Hier und Jetzt bis weit hinein in die Kunstgeschichte und die Kunst mit Neuigkeiten darstellt, indem er Zitate aus Werken Alter Meister entlehnt und sie mit einem neuen Bildgeschehen verbindet. Da begegnen sich historische und aktuelle Bildwelten, da schafft der Künstler zeitlose Räume.

Nach wie vor ist die Frau im Zentrum von Mairs Schaffen, sei es in üppigen historischen Tableaus, in barocken Landschaften und Andeutungen von Interieurs, oder wie neuerdings in kleineren Formaten in Frauenakten, die, man höre und staune, ohne kunsthistorische Bezüge auskommen. Diese anmutigen, in den Körperhaltungen leicht erotischen Akte werden nicht nur liegend und sitzend dargestellt, sondern schwebend oder stürzend. Damit bringt der Maler Spannung und Dynamik in die Kompositionen.

Auch andere, frische und helle Farbklänge fallen ins Auge, so ein Himmelblau mit einem Hauch von Türkis, das die sonst vorherrschende altmeisterliche Palette von Rot, Gelb, Braun, Schwarz aufbricht. Interessant ist oft der Kontrast in diesen Bildern, der Gegensatz von konkreter Darstellung, von Porträtköpfen und nicht ausgearbeiteten Teilen, etwa nur gezeichneten Händen und abstrakten Bildelementen.

Aufbruch zu neuen Ufern

Auffallend ist, dass sich Kurt Mair in den neuen Akten bewusst von Zitaten aus der Kunstgeschichte entfernt. Man kann diese künstlerische Erweiterung, sich von den Bildinhalten der Alten Meister etwas zu lösen, durchaus als Aufbruch zu neuen Ufern deuten. Dieses Phänomen ist ebenso in einigen neueren Farbradierungen zu entdecken, die wie frühe Fotografien wirken und in ihrer plakativen und sinnlichen Anmutung (Damen mit Strumpfbändern!) an Toulouse-Lautrec denken lassen.

Wer die Ausstellung von Kurt Mair auf diese besondere Art betrachtet, versteht, was Alberto Giacometti meint, wenn er sagt: „Das Sehen selbst, der Blick des Betrachters, der erste wie der zweite, ist ein künstlerischer Akt“.   Bis 17. Juni, Sa. und So., 14-18 Uhr