Die Uehlin-Häuser in Schopfheim Ein Stück Stadtgeschichte verschwindet

Werner Müller
Die beiden Uehlin-Häuser vor dem Abriss Foto: Werner Müller

Wohnstatt eines Revolutionärs, Geburtsort einer Zeitung und Zeitzeugen dreier Jahrhunderte: Die alten Uehlin-Häuser sind geschichtsträchtig – und jetzt ihrerseits Geschichte. Der Abriss läuft – und soll Platz machen für einen Neubeginn.

Was für geschichtsträchtiges Gemäuer: Unter diesen Dächern war einst ein Anhänger der 1848er-Revolution daheim. Hier erblickte 1864 die erste Tageszeitung im Dreiländereck das Licht der Welt. Und noch auf ihre alten Tage mussten sie, die immerhin Zeitzeugen dreier Jahrhunderte waren, allerhand mitmachen: Als Zankapfel von Kommunalpolitik und Denkmalschutz fristeten sie an ihrem Lebensabend ein tristes Dasein und gingen zu allem Übel noch in Flammen auf.

Doch das alles ist bald Vergangenheit. Denn den Mauern, um die es hier geht, den beiden Uehlin-Häusern in der Hauptstraße, schlägt das letzte Stündlein. Der Bagger macht nicht nur zwei alte Gebäude platt, sondern auch ein Stück Stadtgeschichte.

Viele Schlagzeilen

Höchste Zeit also für einen Nachruf auf die Zeitungswiege an der Ecke Haupt- und Scheffelstraße, deren Schicksal insbesondere im zurückliegenden Jahrzehnt so viele Schlagzeilen produzierte wie kaum ein anderes Thema in der Markgrafenstadt.

Dabei war es die längste Zeit eigentlich sehr ruhig um die Häuser, und das obwohl sie Zeugen einer historischen Tat sind: Hier hebt im Jahr 1864 Johann Georg Uehlin, Buchdrucker und Anhänger der badischen Revolution, eine Zeitung aus der Taufe: den „Statthalter“, der binnen kurzem eine stattliche Zahl von 3000 Abonnenten gewinnt und den er 1882 in „Markgräfler Tagblatt“ umbenennt.

Die Uehlin-Häuser (rote Markierung) in einer historischen Aufnahme aus dem Buch „Schopfheim anno dazumal“ von der Autorin Ingrid Schubert. Foto: Repro/mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Sein verlegerisches Geschöpf erweist sich als ebenso zählebig wie die beiden Anwesen: Sie sind dabei, als Kaiser Wilhelm den Thron besteigt, das Reich im Ersten Weltkrieg untergeht, die Weimarer Republik sich selbst zerstört und Nazi-Deutschland die Jahrtausendkatastrophe schlechthin, den Zweiten Weltkrieg, vom Zaun bricht. Die Zeitung und ihre Geburtsstätte begleiten den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder in der BRD, die deutsche Teilung und deren friedliches Ende – und prägen ganz nebenbei das Ortsbild der Stadt Schopfheim über Jahrhunderte hinweg.

Erste Risse

Dieses historische Gesamtgefüge bekommt in den 1990er Jahren allerdings erste Risse. Schon damals sind die beiden Häuser sichtlich gealtert und modernen Nutzungsanforderungen – wie für einen Zeitungsbetrieb zum Beispiel – nicht mehr gewachsen. Deshalb sucht sich das „Markgräfler Tagblatt“, das mittlerweile dem Oberbadischen Verlagshaus Jaumann mit Sitz in Lörrach gehört, eine neue Bleibe, ebenfalls in der Hauptstraße und nur einen Steinwurf weit von seinem Geburtsort entfernt – in der ehemaligen Stadtapotheke. An den alten Uehlin-Mauern bleiben vom „MT“ nur noch die Leuchtreklame und ein Schaukasten übrig.

Der Gewölbekeller spielte beim Denkmalschutz ebenfalls eine Rolle. Foto: MT-Archiv

Der Zahn der Zeit nagt auch danach unerbittlich weiter an den Gemäuern. Als mit Alma Brüderlin die Witwe des letzten Verlegers der Ära Uehlin/Brüderlin und zugleich die Eigentümerin der Häuser stirbt, beginnt das letzte Kapitel – ein Trauerspiel in zig Akten.

Stadt übernimmt

Die Stadt kauft die markanten Gebäude von den Erben – und weiß lange Zeit nicht so recht, was sie damit anfangen soll. Einer zeitgemäßen Nutzung stehen der äußerst bescheidende bauliche Zustand der Häuser und – vor allem – die immensen Kosten einer Sanierung im Weg.

Und da ist noch ein anderer Haken: der Denkmalschutz. Verpassen die zuständigen Behörden dem Ensemble samt Gewölbekeller aufgrund ihres „kulturhistorischen und stadtgeschichtlichen“ Stellenwerts das Prädikat „besonders wertvoll“ und pochen auf dessen Erhalt, wird es für die Stadt oder einen potenziellen neuen Eigentümer teuer.

Und als ob dieser gordische Knoten nicht schon verwickelt genug wäre, macht sich auch noch eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Altbauten stark und spielt mit dem Gedanken, die Uehlin’schen Häuser selbst zu kaufen und in einen Bürgertreffpunkt zu verwandeln.

Gebäude in Flammen

Mitten hinein in dieses Tauziehen platzt das Fanal schlechthin: Im Juni 2017 steht das (nicht geschützte) Nebengebäude in Flammen – Brandstiftung. Allerdings sind keine finsteren Mächte am Werk, wie so manch einer vorschnell mutmaßt, sondern nur zwei „dumme Jungen“, die sich in den mittlerweile baufälligen Häusern mit Zündeleien die Langeweile vertreiben und dafür vom Gericht auch eine Strafe aufgebrummt bekommen.

Der Brand im Nebengebäude wirkte als Beschleuniger für die weiteren Geschehnisse Foto: MT-Archiv

Doch der Abriss

Doch diese Beinahe-Katastrophe für die gesamte Innenstadt wirkt auf die Diskussion um die Zukunft der beiden Häuser wie ein Brandbeschleuniger. Plötzlich geht es Schlag auf Schlag: Die Stadt stellt den Abrissantrag für die beiden Häuser mund setzt sich gegen die Ablehnung desselben juristisch zur Wehr. Als ein von ihr bestellter Gutachter zum Ergebnis kommt, dass von der „schützenswerten Substanz“ nicht mehr viel (gerade mal 43 Prozent) übrig und somit der Erhalt der bröckelnden Gemäuer „wirtschaftlich nicht zumutbar“ sei, bröckelt auch der Widerstand der Behörden.

Der Bagger leistet beim Abriss ganze Arbeit. Foto: Anja Bertsch

Die Stadt schreibt die Immobilien auf Drängen des Denkmalamts zwar erneut zum Verkauf aus – doch als wieder kein Interessent anbeißen will, lenken Landratsamt und Denkmalschützer ein und erteilen im März 2021 dem Abrissantrag ihren Segen.

Wohnen und Gastronomie

Damit ist der Weg endlich frei für den Abriss und den Verkauf der beiden Häuser, die mehr und mehr in sich zusammenzufallen drohen. Ein Investor aus Karlsruhe macht bei der Ausschreibung das Rennen mit seinem Entwurf für ein Wohn- und Geschäftshaus mit „Ums-Eck-Fenstern“, das mit „Erlebnisgastronomie“ im Erdgeschoss die Besucher ins Städtli locken soll. Der Neubau an geschichtsträchtiger Stätte habe das Zeug, eine „Wohlfühl oase“ für die gesamte Innenstadt zu werden, schwärmt Bürgermeister Dirk Harscher voller Vorfreude.

Gedenken an Uehlin

Und was passiert nach vollbrachtem Abriss der Uehlin-Häuser mit dem Gedenken an ihren Namensgeber, den demokratisch gesinnten 1848er-Sympathisanten und Zeitungspionier Georg Uehlin? Gerät sein politisches und publizistisches Vermächtnis nach dem Fall der Mauern für immer in Vergessenheit?

So könnte es einmal aussehen. Foto: Animation/Wilhelm Architekten

Das muss nicht sein. „Für das Andenken an Uehlin sind die beiden alten Häuser nicht nötig, es geht um Inhalte und nicht um Mauern.“ Darauf weist Klaus Strütt mitten im Hickhack mit den Denkmalschutz schon 2017 hin. Der profunde Kenner der Stadtgeschichte hält die beiden Gebäude „an sich“ nicht wirklich für denkmalwürdig. Er plädiert statt dessen dafür, Uehlins Vermächtnis angemessener zu würdigen, in Gestalt eines „Hauses der Demokratie und Literatur“ zum Beispiel, mit einem Dokumentationszentrum, das das vielfältige literarische und publizistische Werk des Zeitungspioniers auswertet und der Öffentlichkeit nahebringt. In dieses Uehlin-Haus gehört laut Strütt – sozusagen als Geschichte zum Anfassen – dann auch die erste Druckmaschine des Begründers des „Markgräfler Tagblatts“. Diese befindet sich zum Glück bereits seit längerem im Besitz der Stadt.

Platz für Druckmaschine

Ob sein Wunsch je in Erfüllung gehen wird, steht in den Sternen. Aber immerhin: Der Neubau an der Hauptstraße soll künftig mit der Leuchtschrift „Uehlin-Haus“ auf seine historischen Vorgänger hinweisen. Und auch die gute alte Druckmaschine soll darin ein Plätzchen erhalten – im Untergeschoss, wo es die Café-Gäste durch eine Glasplatte im Fußboden bestaunen können, als Hingucker sozusagen. Das ist zwar nicht viel – aber besser als gar nichts.

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